III ABENTEUER FÜR DIE NASE: DER DUFT – CHANEL N°5
November 7, 2009 von Olaf Wulf
Abgelegt unter Beauty - Pflege, Lifestyle, Mode / Fashion
I GROSSE EINGEBUNGEN: DIE URSPRÜNGE
II IM VERLAUF DER ZEIT: DER MODERNE MYTHOS
III ABENTEUER FÜR DIE NASE: DER DUFT
IV AUSSERGEWÖHNLICHE KREATION: DER FLAKON
V BOTSCHAFTEN DER PHANTASIE: NO. 5 IN DER WERBUNG
No. 5: Das erste komponierte abstrakte Parfum
Ein Parfum ist zunächst eine Inspiration, ein geistiges Bild, das der Parfumeur nach und nach umzusetzen versucht. Bei der Kreation No. 5 bezog sich Ernest Beau auf den Hohen Norden, zur Zeit der Mitternachtssonne, in der die Seen einen Duft von äußerster Frische abgeben. Sicher ist, daß er, – ganz im Gegensatz zu den einblumigen Parfums seiner Zeit – eine Geruchsarchitektur ohne einen Bezug zu einem dominierenden natürlichen Bestandteil aufbaute, um dem Wunsch von Gabrielle Chanel nachzukommen.
Jacques Polge, die derzeitige Nase von CHANEL, unterstreicht wiederum den abstrakten Charakter des No. 5 und das originelle Duftvokabular, das es eingeführt hat. “Die anderen Parfums wären ohne dieses nicht genau die gleichen,” sagt er. Zum Zeitpunkt seiner Schöpfung war die Parfümerie ein Handwerk. Heutzutage ist es eine richtige Industrie, und wenige Parfums haben sich dieser Wandlung widersetzt.

COCO CHANEL
Der Beitrag der Aldehyde, Ende der vorgegebenen Ideen
No. 5 verdankt einen Teil seiner Originalität dem Wagemut, den Ernest Beaux bei dem Anteil der Aldehyde als Synthesebestandteile bewiesen hat. “Die wirklichen Schöpfungen gehen über die Vernunft hinaus”, kommentiert Jacques Polge.
Die Synthesebestandteile sind keineswegs Ersatz für natürliche Rohstoffe. Es sind im Gegenteil Moleküle, die zu den kleinsten Bestandteilen der natürlichen Duftstoffe gehören, welche die organische Chemie isolieren und wieder anders zusammensetzen kann. Heutzutage ist man in der Lage, mehr als 80 Duftmoleküle in der Rose und 200 im Jasmin zu identifizieren. Im Verlauf der Jahre hat sich damit die Palette der Parfumeure beträchtlich erweitert.
Die Aldehyde spielen eine wichtige Rolle, weil sie den Duftkompositionen Kraft verleihen. Sie werden mit einer Nummer klassifiziert wie C9, das sich in der Rose findet, C10 in der Orangenessenz, C11 usw.
No. 5 war das erste Parfum, bei dem so viele davon eingesetzt wurden, daß ihm auf Anhieb ein innovativer Duft und ein abstrakter Charakter verliehen wurde. Will man sich einer groben Analogie bedienen, könnte man sagen, daß sie im No. 5 die gleiche Rolle spielen wie ein Tropfen Zitrone, der den Geschmack von Erdbeeren verfeinert: Sie beflügeln die anderen Bestandteile.
Drei kostbare Blüten für eine einzigartige Harmonie
Die Aldehyde verstärken und abstrahieren die vollkommene Harmonie von drei seltenen Blumen, die das Herz von No. 5 bilden.
Ylang-Ylang von den Komoren.
Diese Blüte eines exotischen Baumes besitzt eine sehr breite Geruchspalette. Ihr komplexer Duft ist für sich schon ein Parfum, gleichzeitig blumig, würzig und sinnlich. Sie bringt sehr viel Wärme und Gefühl in die Komposition. Einige Akzente sind dem Jasmin sehr nah.
Jasmin aus Grasse.
Als natürliche Fortsetzung des Ylang-Ylang ist sein Duft gleichzeitig blumig und fruchtig, kraftvoll und besonders sinnlich. Der Jasmin aus Grasse ist der gehaltvollste und intensivste, er gilt daher als Maßstab für alle in der Parfümerie eingesetzten Jasminarten.
Mairose.
Durch Extraktion mit flüchtigen Lösungsmitteln gewonnen, hat die Mairosenessenz verwirrende und undefinierbare Akzente. CHANEL wählt wegen ihres Duftreichtums ausschließlich die Rose aus Grasse. Die Verbindung mit Rosenessenz verleiht dem Parfum No. 5 seinen Ausdruck von strahlendem, sinnlichem Charme, seine intensive Verführungskunst.
Jacques Polge vergleicht No. 5 mit einer “Duftsymphonie, die von einem großen Orchester gespielt wird, mit Ylang-Ylang an der Orgel, Jasmin an der Violine und Rose am Klavier.”
Von den anderen Bestandteilen der blumigen Harmonie von No. 5 kann man die Orangenblüte, Ausdruck höchster Reinheit, und Neroli, eine aus der Bitterorange gewonnene Essenz, die sich durch einen lieblichen Duft auszeichnet, nennen.
Eine tiefe holzige Basis
Die Vanille ist als solche im No. 5 nicht wahrnehmbar, sie ist aber Teil des Sortiments des Parfümeurs, mit dem er Haltbarkeit und Charme erzeugt. Vetiver ergibt im Rohzustand feurige, harzige Noten. Der von CHANEL eingesetzte Bestandteil ist eine geschickt aus der natürlichen Essenz transformierte und gereinigte Abwandlung, welche den Duft viel abstrakter und kostbarer macht.
Sandelholz verleiht einen warmen und samtigen Duft, der mit seiner Raffinesse genau wie Vetiver Charakter verleiht.
Die großen Augenblicke von No. 5
Kopfnoten: erste Blütentöne
Ylang-Ylang von dem Komoren – Neroli aus Grasse (Blüte der Bitterorange)
Kopfnoten: große Blütenharmonie
Jasmin aus Grasse – Mairose
Basis: holzige Noten
Mysore-Sandelholz – Vetiver-Bourbon – Vanille
Das Eau de Parfum No. 5
1986 kreiert Jacques Polge das Eau de Parfum, das der modernen Frau nach dem Parfum und dem Eau de Toilette eine neue Art eröffnet, sich mit No. 5 zu parfümieren. Die ganze Aufgabe bestand nicht nur darin, eine Variante mit geringerer Konzentration anzubieten, sondern die ursprüngliche Harmonie mit großer Stärke im Sinne von Ernest Beaux zu interpretieren, jedoch mit der Vorstellung, daß dieser über Bestandteile der modernen Parfümerie verfügte. Jacques Polge hat bestimmte möglicherweise wenig wahrnehmbare Noten des Parfums betont und gewisse andere abgeschwächt. Zum Beispiel waren die Vanillenuancen in dem Parfum vorhanden, spielten aber im Eau de Toilette keine bedeutende Rolle; sie werden also subtil unterstrichen. Es handelte sich
tatsächlich um eine Rückkehr zu den wesentlichen Qualitäten des No. 5, wobei es um jeden Preis vermieden wurde, diese Komposition, die so gut ankommt, zu verzerren, sie “gestelzt” erscheinen zu lassen. Denn der erstaunliche Erfolg des No. 5 hängt gerade an dem Umstand, daß es weiterhin träumen läßt, wie es Jacques Polge betont, “daß es das bewahren konnte, was die Qualität eines großen Parfums ausmacht: sein Geheimnis.”.
Qualität und Tradition der Haute Parfumerie
Von den Rohstoffen bis zur Herstellung stellt CHANEL eine sehr hohe Anforderung unter Beweis und wahrt auf diese Weise die Tradition der großen Parfümeure.
Wie alle CHANEL-Parfums wird das No. 5 ausgehend von Rohstoffen von außerordentlicher Qualität komponiert.
Einige sind selten und kostspielig geworden, CHANEL geht jedoch bei dem Erhalt der Zusammensetzung des No. 5 keine Kompromisse ein. So verwendet CHANEL weiterhin ausschließlich Jasmin aus Grasse, den üppigsten, aber auch teuersten , genau den, mit dem 1921 das Original geschaffen wurde. Ein
Flakon Essenz mit 2 Unzen enthält 270 Gramm Blüten, also ungefähr 3000 Blumen. Der großblumige Jasmin aus Grasse hat einen in der Welt einzigartigen Duftwert. Seine Zucht ist eine der teuersten aller Parfumpflanzen, weil die Pflanzung schon auf 500.000 FF pro Hektar kommt. Um sein wahrscheinlich gewordenes Aussterben zu vermeiden, ziehen die meisten Parfumeure ihm heutzutage andere, weniger kostspielige Jasminarten vor, und um diesen Anbau für das No. 5 aufrechtzuerhalten, hat sich CHANEL unmittelbar an der Jasminproduktion in Grasse beteiligt. 1987 wurde ein Exklusivvertrag mit der Familie Mul, seit fünf Generationen Hersteller in Grasse, abgeschlossen. Die Jasmin- und Rosenfelder werden nun ausschließlich für das No. 5 mit zwei Zugpferden bearbeitet, die eine Aufgabe erfüllen, die kein Traktor übernehmen kann.
Die Mairose oder Rosa Centifolia wächst wiederum an einem dornenlosen Rosenstrauch. Es bedarf ungefähr 400 Blumen, um ein Kilo Blätter zu ernten und ½ Kilo Concrète zu erzielen, dieses feste oder halbfeste Konzentrat, das durch Extraktion der Duftsubstanzen mit flüchtigen Lösungsmitteln erlangt wird. Das Pflücken ist ein Wettlauf gegen die Zeit und muß frühmorgens erfolgen, weil die Rose mittags die Hälfte ihrer Duftkraft verloren hat. Wie beim Jasmin kontrolliert CHANEL die Produktion, die ausschließlich in Grasse erfolgt, unmittelbar.
Die qualitativ hochwertigen Rohstoffe werden immer seltener. Diejenigen, die nicht aus unmittelbar von CHANEL kontrollieren Pflanzungen stammen, werden nach sehr strengen Kriterien mit größter Sorgfalt ausgewählt. Jacques Polge nimmt in seinem Labor die Rohstoffe aus der ganzen Welt entgegen, um nur die besten zu behalten, die im übrigen mit hochpräzisen Geräten getestet werden.
Diese Anforderung wird dann an jede Herstellungsphase gestellt, bis zum letzten Bearbeitungsschritt mit der Goldschlägerhaut bei den Parfums No. 5. Dabei wird der Flakon mit einer feinen Haut hermetisch abgeschlossen, so daß seine Dichtheit gewährleistet ist. Anschließend wird er mit einem Faden umwickelt, der mit Wachs überzogen ist, damit er nicht gelöst werden kann. Dieser Vorgang, der eine hohe Geschicklichkeit erfordert, ist eine Tradition, die CHANEL als letzter Parfümeur noch fortsetzt.
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